Privatanleger als Kontraindikator

von René Wolfram (22.04.09)

Sicherlich ist Ihnen auch schon bei der Betrachtung von Intraday-Verläufen aufgefallen, dass zum Beispiel die US-Futures sehr, sehr oft im Minus starteten und eine schwache Eröffnung fast immer zum Kaufen genutzt wurde. Im Handelsverlauf erholte sich der Markt meist und behielt damit den Aufwärtstrend bei.

Man kann den Tag in einzelne Zeitabschnitte unterteilen und so recht gut erkennen, in welche Richtung die Profis (Fonds, Institutionelle) und in welche Richtung die Privatanleger (Amateure) handeln. Hierfür gilt:

Privatanleger handeln verstärkt in der ersten Stunde einer Handelssitzung. Das liegt u.a. daran, dass die meisten Anleger berufstätig sind und ihre Orders bereits vor der Eröffnung aufgeben. Zudem sind Privatanleger in hohem Maße emotional. Sie neigen dazu, im Aufwärtstrend nach Tagen mit kräftigen Kursgewinnen zu verkaufen. Sie haben Angst davor, die aufgelaufenen Gewinne wieder abgeben zu müssen. Das erklärt die häufig schwächere Tendenz zur Handelseröffnung in einem Aufwärtstrend.

Nach Tagen mit kräftigen Kursabschlägen glauben Privatanleger häufig, dass es eine technische Reaktion geben wird und versuchen davon zu profitieren. Deshalb kaufen Sie nach solchen Tagen mitunter in der ersten Handelsstunde.

Der Privatanleger ist, so unschön das auch klingen mag, das schwächste Glied in der Informationskette. Er erhält seine Informationen oftmals erst durch die Medien. Das hat den Nachteil, dass mitunter eine erhebliche zeitliche Verzögerung vorliegt. Zudem lassen sich Privatanleger häufig stark von der Meinung anderer beeinflussen und agieren sehr emotional. Deshalb ist es ratsam, deren Handeln zu beobachten und sie als Kontraindikator zu betrachten.

Profis handeln über den Tag verteilt

Profis achten hingegen auf das Momentum und damit auf den übergeordneten Trend. Ein solcher Abverkauf wie am 20 April 2009, leitet sehr häufig eine mehrtägige oder gar mehrwöchige Korrektur ein. Profis nutzen dann eine durchaus mögliche technische Gegenreaktion dazu, um ihre Short-Positionen aufzustocken.

Wenn eine schwache Eröffnung sofort „hochgekauft wird", dann ist das ein sicheres Zeichen, dass die trendfolgend agierenden Profis am Werk sind. Sie nutzen die Nervosität (Angst) der Privaten im Aufwärtstrend, um bei Schwäche zu kaufen. Im Abwärtstrend hingegen ist es die Gier der Privaten, die den Profis in die Karten spielt. Man kann davon ausgehen, dass die professionellen Adressen NICHT in der ersten Handelsstunde, sondern über den Tag verteilt agieren. Auch die Tendenz in der letzten Handelsstunde gibt primär Aufschluss über die Aktivitäten der Institutionellen.

Unterschiedliche Zeitfenster beachten

Es ist nicht für jeden Trader sofort zu verstehen, dass man in einem einzigen Depot Märkte in unterschiedlichen Zeitfenstern handelt. Wichtig ist für Sie vor allem, dass Sie weder Zeitfenster mischen, noch die Ein- und Ausstiegsmotive willkürlich anpassen.

Einer der besten Trader der Welt sagte einmal in einem Seminar, das ich besuchte: „Echte Trader wissen, dass sie falsch liegen können und kalkulieren ihr Handeln so, als wüssten Sie nicht, was passiert. Sie fällen die Entscheidung vor dem Eröffnen einer Position. Amateure beurteilen einen Trade hingegen nachdem er abgeschlossen wurde. Deshalb wissen Sie auf dem Papier auch stets alles besser." Dem ist nichts hinzu zu fügen. Die Worte „hätte", „wenn" und „aber" habe ich deshalb auch weitestgehend aus meinem Vokabular gestrichen.

Bauchgefühl und Emotionen bleiben bei mir außen vor

Ich handele stets strikt nach objektiv nachprüfbaren Strategien. Emotionen und Bauchgefühl bleiben außen vor. Manchmal hätte das Bauchgefühl mir sicher einen größeren Gewinn beschert, aber noch viel öfter verhindert das sogenannte Bauchgefühl große Gewinne. Trends laufen oftmals viel weiter als wir es uns vorstellen können. Wer auf seinen Bauch hört, wird daher häufig zu früh verkaufen und so die ganz großen Trends verpassen.

Wer sich an die Strategien hält, beispielsweise die Trendfolge-Strategie auf Basis der Gleitenden Durchschnitte, der wird - Geduld vorausgesetzt - ganz große Gewinne mit den großen Trendbewegungen erzielen. Ich bringe Ihnen beim LAZY INVESTOR bei, wie Sie diszipliniert mit klaren Strategien langfristig Geld verdienen können. Wir könnten höher gewichten, höhere Hebel einsetzen und in kürzeren Zeitfenstern agieren, doch dabei lernen Sie das Traden nicht, sondern werden sehr kurz ein wenig Geld verdienen und langfristig verlieren. Spätestens wenn Sie die ersten 2-3 großen Trend-Trades abgeschlossen haben, die über mehrere Monate gingen, werden Sie wissen, warum man emotionsfrei gemäß klarer Regeln handeln sollte.

Blinder Aktionismus ist deplatziert

Ich kenne viele Anleger, die es nicht schaffen zu warten, bis die Kriterien für eine Positionseröffnung erfüllt sind. An der Börse gewinnt dauerhaft nicht der, der die meisten Trades macht, sondern der, der es schafft mit möglichst wenigen Transaktionen Gewinne zu erzielen. Eines muss klar sein: Wir können nur in großen Trends großes Geld verdienen.

Und ein Trend benötigt Zeit in seiner Entwicklung. Wenn wir mit unseren Positionen richtig liegen, haben wir eine sehr ruhige Zeit. Unsere Handelsfrequenz erhöht sich typischerweise, wenn die Märkte stark schwanken und Positionen umgeschichtet oder glattgestellt werden müssen. Weniger ist an der Börse meist mehr.

 

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