Öl: Erholung kann jederzeit starten

von Andreas Wolf

Das Auftreten von Übertreibungswellen gehört zu den Kapitalmärkten wie Ebbe und Flut zu den Ozeanen. Eine besonders ausgeprägte Form lässt sich derzeit am Markt für Rohöl betrachten. Es ist noch keine fünf Monate her, da wurden mitten im schon erkennbaren Abschwung der Weltwirtschaft noch Kursziele von 200 US-Dollar und mehr für die unmittelbare Zukunft in den Raum gestellt. Den in dieser Hinsicht optimistisch eingestellten Investoren konnte man angesichts der damaligen charttechnischen Situation kaum den Vorwurf machen, sie handelten fahrlässig. Alle Trends zeigten eindeutig nach oben und nach den Spielregeln der Börse gilt eine Bewegung solange als intakt bis der dominierende Trend bricht. Eine Konsolidierung von 150 auf 120 US-Dollar hatten somit die meisten Marktteilnehmer auch auf der Rechnung, die tatsächliche Entwicklung hingegen zeigt eine maßlose Übertreibung von einem Extrem in das andere. Sowenig wie ein Ölpreis von 150 US-Dollar im Sommer fundamental gerechtfertigt war, so wenig entsprechen Preise von 50 US-Dollar der künftigen tatsächlichen Nachfrage. Sollten die Finanzmärkte tatsächlich einen (unwahrscheinlichen) Stillstand der Weltwirtschaft unterstellen, müsste die Bewertung vieler Rohstoffe gegen Null tendieren.

Zwar stellt sich die Welt heute wirtschaftlich in einem wesentlich schlechteren Licht da als vor einem halben Jahr, allerdings kann sich dieser Zustand sehr rasch wieder verändern. Ähnliche ökonomische Weltuntergangsszenarien wurden zu Zeiten des ersten Irakkrieges zwischen August 1990 und Frühjahr 1991 gespielt. Mir liegt es zwar fern, diese Krise mit der damaligen in ihren Ursachen zu vergleichen, die Auswirkungen sind aber sehr häufig sehr ähnlich. Während also der Schock der Weltfinanzkrise seine Auswirkungen mit einem entsprechend negativen Höhepunkt erst im nächsten Jahr erfährt, werden die Märkte sich schon mit dem Jahr 2010 beschäftigen. Mit Blick auf den Ölmarkt bedeutet das eine wieder moderat steigende Nachfrage mit höheren Preisen. Kurzfristig erscheint eine Erholung auch aus zyklischen Gründen möglich.

Seit dem Juli hat sich ein steiler Abwärtstrendkanal beim Ölpreis ausgebildet, dessen obere Begrenzung bei etwa 75 US-Dollar liegt. Wie die Ankündigung des chinesischen Konjunkturpaktes gezeigt hat, entfalten positive Meldungen bisher nur begrenzte Wirkungen auf den negativen Kursverlauf. Für eine stärkere Erholung im kurzfristigen Zeitfenster spricht der auf Kauf stehende MACD sowie der stark überkaufte Zustand des Ölmarktes. Ein kurzfristiger Anstieg würde die Voraussetzungen für den Beginn einer Bodenbildung schaffen, die zur Stabilisierung des Ölpreises unabdingbar ist. Je nach Verlauf der Wintersaison in der nördlichen Erdhalbkugel kann die bevorstehende Erholung intensiver oder weniger stark ausfallen. Preise weit unterhalb von 50 US-Dollar wünschen sich aber neben den ölproduzierenden Ländern aber selbst nicht einmal die Industriestaaten, denn dann würde statt dem Wort Rezession schon längst der Begriff Depression die Runde machen.

 

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