Es ist noch einmal gut gegangen - ausgerechnet der Crash brachte die große Lösung

von Marcel Mußler

Es ist der ganz große Wurf geworden! Ob er das bleiben wird, muß die Zukunft zeigen. Aber die Märkte glauben es im Moment. Und nur das ist jetzt wichtig, denn das verändert die gesamte Krisenpsychologie. Schon lange war der Staat nicht mehr so wichtig wie heute, und unsere Politiker haben Großes geleistet. Ausgerechnet sie bringen Vertrauen, Hoffnung und das Gefühl von Sicherheit zurück. Das tut auch der gesamten politischen und demokratischen Kultur gut. Nicht nur von den Märkten, sondern von fast überall her gab es Zustimmung, auch von der Opposition und sogar vom DGB. Nur Oskar ist am Motzen, aber das muß wohl so sein. - Auch "Europa" hat sich an diesem Krisenwochenende bewährt. Erst die abgestimmte und gemeinsame Präsentation macht die Rettungspakete so stark. "Old Europe" hat Amerika und seinem tragischen Präsidenten vorgemacht, wie man das macht. Guten Tag, Herr Rumsfeld... - Sie werden im weiteren Verlauf noch sehen, daß ich Ihnen heute keine Euphoriestudie präsentiere. Es ist mir jedoch ein Bedürfnis, das Geleistete auch an dieser Stelle noch einmal zu würdigen.

Der Crash war gut! Soll das ein Witz sein? Nein, diese Erkenntnis setzt sich heute wirklich bei mir durch. Denn erst dieser Crash hat das Bankensystem mit halsbrecherischer Geschwindigkeit an den Rand des absoluten Zusammenbruchs geführt, was die trotz allem zu lange zu zögerlichen Politiker am Wochenende schließlich zum ultimativen Handeln gezwungen hat. Und nur deshalb haben wir jetzt diese starke und glaubwürdige Lösung. - Es wäre bedeutend schlimmer gewesen, wenn auch weiterhin ein Finanzinstitut nach dem anderen weggebröckelt wäre oder hätte gerettet werden müssen. Ein weiteres Anhalten des verschärften Zustandes, den wir seit Lehman kannten, hätte auch die Aussichten für die Realwirtschaft und damit für uns alle unnötigerweise immer noch weiter verschlechtert. So aber hat uns letztlich die Macht des Marktes selbst diese große Lösung beschert.

Der GAU ist abgewendet. Mein Gott, war das knapp. Und jetzt wird alles wieder gut? Nein, natürlich nicht. Vor allem waren sich die Volkswirte auch gestern noch auffallend einig, daß sich ein Abschwung der Realwirtschaft nicht mehr aufhalten, sondern bestenfalls mäßigen läßt. Ich bin jedoch schon einmal froh, daß wir es jetzt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit nicht mehr mit einer weiteren Eskalationsstufe der Krise zu tun bekommen. Es ist zwar immer noch etwas früh für dieses Urteil, aber es sieht mir doch schon sehr danach aus, als liege der Höhepunkt der Finanzkrise jetzt endlich doch einmal hinter uns. Richtig stabil wird das System aber erst wieder sein, wenn 1. das europäische System auch in den USA umgesetzt wird. Die am Wochenende in Not geratenen Morgan Stanley wurden gestern zwar von der japanischen Mitsubishi Bank gerettet. Aber das zeigt, daß es in den USA nach wie vor so weitergeht wie bisher. Allerdings zeigen die Amerikaner wohl tatsächlich Bereitschaft, sich Europa anzuschließen. Richtig stabil wird das System aber auch erst dann, wenn die Geld- und Kreditmärkte wieder funktionieren. Die Rettung der Banken ist ja schließlich kein Selbstzweck, sondern dient vor allem diesem Ziel. Die Märkte werden nicht ewig feiern, sondern genau diese Entwicklung schon bald wieder mit Argusaugen beobachten.

Eine interessante Entwicklung gibt es jetzt in Amerika. Die WallStreet hilft Obama, und Obama könnte jetzt im Gegenzug auch der WallStreet helfen. Laut Umfragen ist der Vorsprung von Obama jetzt schon so nahezu uneinholsam groß, daß der Markt Obama jetzt wohl einzupreisen beginnt. Amerika ist aus nachvollziehbaren Gründen wechselwillig und sehnt sich nach einem Neuanfang. Natürlich ist Obama auch kein Zauberer, aber er und das, was er jetzt im Wahlkampf alles verspricht, erzeugt eine Psychologie der Hoffnung und des Aufbruchs. In 22 Tagen ist Wahl, und das Thema wird jetzt zunehmend in den Vordergrund drängen. - Allerdings sagt man Obama auch eine Tendenz zu wieder mehr Protektionismus nach, was den exportabhängigen Europäern wiederum nicht gefallen kann. Aber die Amerikaner haben ja sowieso kein Geld mehr...

Die Märkte feierten gestern das Rettungspaket, am Ende sogar rauschartig. Und das Haar in der Suppe? Bisher hat es noch niemand so richtig gefunden. Ich habe jedoch wenig Zweifel, daß sich das schon sehr bald wieder deutlich relativiert und auch wieder andere Themen ins Bewußtsein der Märkte drängen werden. Das beeindruckende Reversal kann zwar erst einmal überzeugen. Der Crash ist damit definitiv beendet und er wird in dieser Form wahrscheinlich auch nicht mehr zurückkehren. Als bullishen Urknall werte ich das Ganze jedoch nicht. Sondern erst einmal deutlich mehr als weiteren Auswuchs der historischen Spitzenvolatilität dieser Tage. Ich sehe zwar gute Chancen, daß wir jetzt gerade auch den Volatilitätsgipfel überschreiten, aber Volatilität verschwindet nicht schlagartig. Sondern sie bleibt zunächst hoch und pendelt erst mit der Zeit sukzessive aus. Deshalb stelle ich mich darauf ein, daß die Schwankungsintensität in den nächsten Tagen hoch bleibt, ebenso wie die Stimmungsschwankungen bei den Marktteilnehmern. - Auch das "Format" des Krisenreports werde ich daher bis zum Wochenende weiter beibehalten. Noch ist der Wirtschaftskrimi nicht beendet. Auch die nächsten Tage werden ihre ganz speziellen Nachrichten und Themen haben, die die Märkte in Atem halten werden.

 

Halten Sie die Finanzkrise für ausgestanden?
Ja
Nein
weiß nicht