Thank god, it’s friday! – Doch Vorsicht, die Woche ist noch nicht vorbei

von Marcel Mußler

Was zum Wochenstart mit einem Funke(n) begann, mündet zum Wochenschluß in einen Flächenbrand. Auch gestern wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr. Der Crash rollt! - Und ob wir uns wirklich auf das Wochenende freuen können, wage ich zu bezweifeln. Ich sage nur: Funnie&Freddie, Lehman, Hypo Real Estate. Wen erwischt es diesmal? Ich will gar nicht wissen, in wievielen Finanzhäusern es am Wochenende wieder Krisensitzungen geben wird, und was dann am Montag morgen wieder auf dem Tisch liegt. Und ich sehe es schon kommen, daß der spannendste Moment des Wochenendes für mich wieder Sonntag nacht um 0:00 Uhr sein wird, wenn der S&P500-Future eröffnet. Früher war das Spannendste die Bundesliga, das waren noch Zeiten...

Kann das alles noch wahr sein? Leider ja. Und das Absurde ist, daß es sogar "normal" ist, was jetzt abläuft. Was die Märkte bis vor einer Woche noch ungemein gestützt hat, waren die Charts. Es gab die oft besprochenen wirklich richtig massiven Unterstützungsthemen, die die Märkte getragen haben. Und weil diese Themen in der Mehrzahl aller Fälle halten, wollte zunächst niemand diese Lawine lostreten. Bis dann eben der "Funke" zündete. Ob er wohl weiß, was er da angerichtet hat, fragte ich am Montag. Nun, vielleicht weiß er es ja jetzt. Nachdem die Charts in der Folge auf diese höchst anomale Weise abgerissen sind, greift nun eben Panik um sich. Deshalb findet dieser Crash statt, genau jetzt und genau hier. Solche Crashs erleben wir in den Proportionen der Intradaycharts alle paar Tage, wenn beispielsweise überraschend schlechte Zahlen bekanntgegeben werden. In den Langfristcharts passiert das selten, dann aber in ganz anderen Dimensionen. An der Ablaufstruktur fidnet sich jedoch nichts Ungewöhnliches. Wir werden es in den Intradaycharts gleich noch sehen, daß die Ablaufstrukturen vollkommen normal aussehen. Nur beim Blick auf die Kursskala kann einem dabei schwindlig werden.

Gestern kam die neue Sentimenterhebung von Cognitrend. Ich konnte es fast nicht glauben, daß bei den Institutionellen die Anzahl der Optimisten für den DAX immer noch fast genau so groß ist, wie vor Wochenfrist bei 5.900 Punkten. Und zur Erinnerung gab es vor einer Woche die viertgrößte Optimismusspitze in diesem Jahr. Meine Gesprächspartner signalisieren mir zwar auch weiterhin ein ganz anderes Stimmungsbild. Doch es wird schon stimmen, was Cognitrend sagt. Und genau das ist alarmierend. Denn wer optimistisch ist, der kauft keine Aktien, sondern der hat Aktien, mit denen er nun zunehmend in Not gerät. Zumal sich die Nötespirale jetzt immer schneller dreht, und die Not die Not immer weiter nährt. Diese Nöte sind noch längst nicht absorbiert, sondern sie kulminieren im Moment noch. Ich habe in meinem Börsianerleben jetzt schon einige Krisen mitgemacht, wenn auch noch keine von solch historischer Dimension. Doch eines hatten alle diese Krisen gemeinsam. Wenn niemand mehr etwas von Aktien wissen wollte, und wenn ich mich unbeliebt gemacht habe, indem ich von besseren Zeiten sprach, dann war unten. Das hatten alle Krisen, an die ich mich erinnern kann, gemeinsam. Dieser Tage fallen mir die Begriffe "Kaufkurse" und "Schnäppchen" noch viel zu oft, das paßt sentimenttechnisch noch ganz und gar nicht zu einem längerfristigen Tiefpunkt. Daß es zwischendurch dennoch auch wieder Volareaktionen von durchaus sogar mehreren hundert Punkten nach oben geben wird, ist natürlich auch klar.

Dieser Crash macht mir Angst! Nicht um die Märkte, mit deren Schicksal ich mich analytisch nüchtern
arrangiert habe. Aber die Folgen! Während die Finanzmarktkrise in weiten Bevölkerungskreisen bisher
nur als abstraktes Gebilde wahrgenommen wurde, dringt ein Börsencrash schon deutlich mehr ins Bewußtsein der Menschen. Hoffentlich lassen sich die Leute von der Börsenpanik nicht anstecken. Aber
langsam beginnt es zu grummeln im Volk, oder bilde ich mir das hoffentlich nur ein? Psychologisch ganz
schlecht ist natürlich auch, daß bei der isländischen Kaupthing Bank jetzt die ersten Privatkonten eingefroren worden sind, wovon auch viele Deutsche betroffen sind. Dann die mediale Aufbereitung des Ganzen. In sämtlichen Talkshows, auch bei den seriösen, gibt es nur noch dieses eine Thema. Bekannte Gesichter vom Börsenparkett sitzen auf einmal bei Illner & Co. Bei Kerner wurde gestern das Derivatewesen in allen Facetten zerrissen, Hans Eichel und der Börsenmoderator Lehmann waren dort zu Gast. Tenor: Finanzmathematiker ruinieren die Finanzmärkte. Und damit bin ich schon beim nächsten Punkt. Denn auch die Banken sind nach wie vor nicht aus dem Schneider. Dieser Aktiencrash wird vor allem für den gigantisch aufgeblähten Derivateapparat mit seinen künstlichen Werten zu einer richtigen Belastungsprobe, der die Bankbilanzen erst einmal standhalten müssen. Experten sprechen von der nächsten Zeitbombe. Auch im Bereich der Hedgefonds sind die nächsten Pleiten meines Erachtens bereits vorprogrammiert.

Nein, mir ist nicht richtig wohl in meiner Haut. Das Jahr 2008 hat immer bessere Chancen, in den Geschichtsbüchern später in einem Zuge mit 1929 genannt zu werden. Noch kennt die Lawine einfach nur eine Richtung, nichts und niemand vermag sie bisher zu stoppen. Ich wünsche Ihnen dennoch ein erholsames Wochenende. Auf daß es die Börse auch am Montag noch gibt...

 

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